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Schlagwort: Lebenshaltungskosten in Portugal

Realitätscheck: Was vom deutschen Gehalt in Portugal nach Steuern und Miete übrig bleibt

[Gastartikel von Camille Dubois] Wer den Schritt von Deutschland nach Südeuropa wagt, rechnet oft mit niedrigeren Lebenshaltungskosten, übersieht dabei aber die steuerliche Progression und den überhitzten Wohnungsmarkt in den Metropolen. Eine Analyse der tatsächlichen Kaufkraft zeigt, dass die Rechnung ohne präzise Daten schnell zum finanziellen Rückschritt wird.

Wer in Berlin oder München lebt, träumt beim Blick auf die Immobilienpreise oft von Lissabon oder der Algarve. Die Logik scheint simpel: Portugal gilt statistisch gesehen als eines der günstigeren Länder Westeuropas. Laut Eurostat-Daten zum Preisniveau lag Portugal 2023 bei den Konsumausgaben der privaten Haushalte etwa 15 % unter dem EU-Durchschnitt, während Deutschland knapp darüber lag. Doch diese makroökonomischen Zahlen sind für den einzelnen Auswanderer trügerisch, sobald man Miete und die lokale Einkommensteuer in die Gleichung aufnimmt.

Die Euphorie über das sonnige Klima wird oft gedämpft, wenn die erste Abrechnung der Autoridade Tributária (AT) eintrifft.

Die Steuerfalle für Fachkräfte und Remote Worker

In Deutschland ist man an hohe Abgaben gewöhnt, doch das portugiesische Steuersystem greift bei mittleren Einkommen oft progressiver zu, als man vermutet. Während der Grundfreibetrag in Deutschland jährlich angepasst wird, sind die Steuersätze in Portugal für Gutverdiener relativ steil. Wer kein Anrecht auf Sonderstatus wie das (mittlerweile stark reformierte) NHR-Programm hat, zahlt auf ein Gehalt, das in Deutschland als moderat gilt, in Portugal bereits Spitzensteuersätze.

Ein Bruttogehalt von 50.000 Euro klingt in Lissabon nach Luxus, da das Durchschnittsgehalt laut dem Instituto Nacional de Estatística (INE) deutlich niedriger liegt. Nach Abzug der Sozialversicherung (Segurança Social) und der Einkommensteuer bleibt netto jedoch oft weniger übrig, als man für einen vergleichbaren Lebensstandard in einer deutschen B-Stadt benötigen würde.

Um ein Gefühl für die Differenz zu bekommen, nutzen viele unserer Leser einen salary-after-tax calculator, um die Netto-Kaufkraft verschiedener Standorte direkt gegenüberzustellen. Es geht nicht nur darum, was man verdient, sondern was man nach der Miete für das tägliche Leben ausgeben kann.

 

Gehaltsrechner Netlifevalue

Der Wohnungsmarkt frisst die Ersparnis

Das größte Problem der letzten Jahre ist die Entkoppelung der Mietpreise von den lokalen Gehältern. In Lissabon und Porto haben sich die Mieten laut Daten von idealista in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt.

Wer aus Deutschland kommt, erwartet vielleicht, für 1.000 Euro eine großzügige Wohnung im Zentrum zu finden. Die Realität sieht anders aus: In begehrten Vierteln wie Arroios oder Estrela zahlt man für ein renoviertes T1 (Ein-Zimmer-Wohnung) oft zwischen 1.200 und 1.500 Euro. Vergleicht man das mit Städten wie Leipzig oder Bremen, ist der vermeintliche Preisvorteil Portugals schlicht nicht mehr vorhanden.

So.

Wenn man also 3.000 Euro netto verdient, aber 1.400 Euro für die Miete ausgibt, bleiben 1.600 Euro für den Rest. In einer deutschen Stadt mit ähnlichem Gehaltsgefüge zahlt man für die gleiche Wohnqualität vielleicht 900 Euro warm. Der „Sonnenzuschlag“ kostet hier also bares Geld.

Kaufkraft jenseits von Kaffee und Gebäck

Oft wird argumentiert, dass das Leben „draußen“ günstiger sei. Ein Bica (Espresso) für 80 Cent und ein Mittagstisch für 10 Euro sind in Portugal absolut realisierbar. Das verzerrt jedoch die Wahrnehmung der Gesamtkosten.

Strom, Gas und Internet gehören in Portugal zu den teuersten in Europa, wenn man sie ins Verhältnis zum Einkommen setzt. Die Strompreise (Eurostat 2023) liegen aufgrund hoher Steuern und Umlagen oft auf deutschem Niveau oder darüber. Da viele portugiesische Häuser zudem schlechter isoliert sind, steigen die Heizkosten im kurzen, aber feuchten Winter massiv an – meist über elektrische Heizkörper, was die Rechnung in die Höhe treibt.

Auch Autos sind in Portugal aufgrund der ISV (Imposto Sobre Veículos) deutlich teurer als in Deutschland. Wer sein deutsches Auto einführen will, erlebt bei der Umschreibung oft einen bürokratischen und finanziellen Albtraum.

Die NetLifeValue-Perspektive: Wo lohnt es sich wirklich?

Wir berechnen bei NetLifeValue den Index für 36 Länder, indem wir das verfügbare Einkommen nach Steuern und Miete ins Verhältnis zur lokalen Qualität der Dienstleistungen setzen. Portugal landet dabei oft im Mittelfeld. Es punktet extrem hoch bei der Sicherheit und dem Klima, verliert aber Punkte bei der wirtschaftlichen Effizienz für Angestellte.

Für digitale Nomaden mit ausländischen Verträgen sieht die Welt anders aus, aber wer plant, lokal für ein portugiesisches Unternehmen zu arbeiten, sollte sehr hart verhandeln. Ein lokales Gehalt anzunehmen, bedeutet fast immer einen harten Einschnitt in die Sparquote.

Man darf nicht vergessen, dass Deutschland ein sehr effizientes System bei der Kaufkraft von Konsumgütern hat. Supermärkte in Deutschland gehören zu den günstigsten weltweit. In Portugal sind Markenprodukte im Supermarkt (Hygieneartikel, Waschmittel, Elektronik) oft 20 % teurer als bei Rossmann oder Lidl in Deutschland.

 

Preis Index NetlifeValue

Strategien für die Planung

Bevor man den Mietvertrag in Deutschland kündigt, sollte man drei Szenarien durchrechnen:

Zuerst das Worst-Case-Szenario mit einer Miete am oberen Rand und einer Besteuerung als ansässiger Steuerzahler ohne Privilegien. Dann ein realistisches Szenario, das auch Puffer für private Krankenversicherungen enthält, da das öffentliche System (SNS) in Portugal oft überlastet ist.

Wer nicht zwingend in Lissabon oder Porto sitzen muss, sollte Städte wie Coimbra, Aveiro oder das Hinterland der Algarve prüfen. Hier sinken die Mieten signifikant, während die Lebensqualität und die Infrastruktur (Glasfaser-Internet ist in Portugal fast überall besser als in Deutschland) hoch bleiben.

Am Ende ist die Entscheidung, nach Portugal zu gehen, selten eine rein finanzielle. Es ist eine Entscheidung für eine andere Taktung des Alltags. Aber damit dieser Alltag nicht vom Stress um die nächste Stromrechnung dominiert wird, muss die Kalkulation vorher auf harten Daten basieren, nicht auf dem Preis des letzten Urlaubs-Kaffees.

— Camille Dubois, editorial at NetLifeValue

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